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Soziale Innovation

Innovation, das steht im allgemeinen Verständnis für etwas Neues, für eine neue Idee, Technik oder Erfindung, die eine Veränderung des Status Quo bewirkt. Ob der Fernseher, die Waschmaschine oder das Mobiltelefon – als technischen Innovationen gelang diesen Geräten der Durchbruch weltweit und durchweg in allen Gesellschafts- und Altersschichten. Neben diesen naturwissenschaftlich-technischen Innovationen gibt es noch eine weitere Innovationsperspektive: So haben beispielsweise die Existenz und breite Akzeptanz von Car-Sharing, Fastfood-Ketten und außerehelichen Lebensgemeinschaften bestehende Handlungs- oder Verhaltensroutinen wirksam und flächendeckend beeinflusst. Als sogenannte soziale Innovationen haben diese Entwicklungen eine deutliche Veränderung in der Gesellschaft bewirkt, gleichwohl sie vielfach im Schatten der naturwissenschaftlich-technischen Innovationen stehen. Sie verfügen im Gegensatz zu technischen Innovation über eine immaterielle, intagible Struktur.

Auch wenn die Debatte um den Innovationsbegriff mehr als ein Jahrhundert alt ist und bis auf den Urvater aller Innovationstheorien Josef Schumpeter (1853 – 1950) zurückgeführt werden kann, wurde bis heute keine abschließende Definition formuliert. Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass es auch für den Begriff der sozialen Innovation eine Vielzahl von Näherungen gibt. (1) Soziale Innovationen kennzeichnen sich dem Innovationsforscher Jens Aderhold folgend dadurch, dass sie weitreichend in ihrer Dynamik und strukturell folgenreich in ihrer Wirkung sind (Aderhold 2016: S. 32). Er definiert Innovationen als „überraschende Neuerungen, die durch soziale Akzeptanz und die kollektive Attribuierung von Neuheit gekennzeichnet sind und damit einen Erfolg für das hervorbringende System zu generieren in der Lage sind“ (Aderhold 2006 nach Klein 2010: S. 272). Damit haben ihm zufolge „alle Möglichkeiten, bestimmte Probleme entgegen bestehender Erwartungen und Regulierungsweisen besser als bisher bearbeiten zu können“ Innovationscharakter (Aderhold 2016: S.14). Entscheidend für Innovationen sei, dass sie auf bestimmte, vorher spezifizierte Probleme antworten. Die Problemformulierungen sind wiederum von Bewertungen getrieben, nach denen bestimmte vorgefundene Umstände ungenügend erscheinen, und darum verändert werden müssen. (2) Auch das Kompetenzzentrum Soziale Innovationen in Sachsen-Anhalt unterstreicht die Tatsache, dass „am Anfang einer jeden sozialen Innovation ein echtes gesellschaftliches Problem steht, welches in der Öffentlichkeit präsent ist und wofür neue Lösungen gesucht werden. Technologische Fortschritte können (…) Ausgangspunkt sozialer Innovationen sein.“ (Kompetenzzentrum Soziale Innovation - Sachsen-Anhalt 2018).

Eine soziale Innovation charakterisiert sich dem KSI folgend zudem durch ihre Neuartigkeit. Zudem muss das neuartige Konzept von der Zielgruppe angenommen werden und dadurch eine nachhaltige Veränderung der sozialen Praxis hervorbringen.

(3) Howald, Kopp und Schwarz beschreiben soziale Innovation derweil als die beabsichtigte Veränderung sozialer Praktiken und Routinen in bestimmten Handlungsfeldern mit dem Ziel, Probleme und Bedürfnisse besser zu lösen bzw. zu befriedigen, als es mit den etablierten Praktiken möglich ist (Howald, Kopp, Schwarz 2014: S.91). Howaldt und Schwarz zufolge „handelt sich dann und insoweit um eine soziale Innovation, wenn sie – markt- vermittelt oder ‚non- bzw. without-profit’ – sozial akzeptiert wird und breit in die Gesellschaft bzw. bestimmte gesellschaftliche Teilbereiche diffundiert, dabei kontextabhängig transformiert und schließlich als neue soziale Praxis institutionalisiert bzw. zur Routine wird“ (Howaldt, Schwarz 2010: S. 89)

(4) Nach Barbara Klein (2010: S. 278 f.) sind soziale Innovationen technologisch induzierte neue Angebote, die zu Verhaltensänderungen führen und Organisationsprozesse beziehungsweise Arbeitsstrukturen grundlegend verändern. Ihr zufolge kann soziale Innovation nur stattfinden, wenn sowohl eine hohe Akzeptanz als auch eine hohe Nutzungstauglichkeit (in Bezug auf Aspekte wie der Gebrauchswert, Kosten/ finanzielle Vorteile, Statusgewinn) vorhanden sind. Anderenfalls handelt es sich um eine Stagnation.

(5) Das Zentrum für soziale Innovation in Wien unter Leitung von Prof. Dr. Josef Hochgerner (ZSI) definiert soziale Innovationen als neue Konzepte und Maßnahmen, die von betroffenen gesellschaftlichen Gruppen angenommen und zur Lösung sozialer Herausforderungen genutzt werden: „Social innovations are novel or more effective practices that prove capable to tackle societal issues, and are adopted and successfully utilised by individuals, groups, and organisations concerned.” (ZSI 2018) So können auch Kombinationen bereits gelebter Praktiken zu sozialen Innovationen erwachsen, beispielsweise durch die Bildung von Netzwerken, um überkommene Strukturen zu überwinden.

(6) Erfolgreiche soziale Innovationen liegen laut Rolf G. Heinze dann vor, wenn sie die etablierten Institutionen mit ihren stark fragmentierten Handlungslogiken überwinden (Heinze 2018: S. 15).

soziale_innovation.txt · Zuletzt geändert: 2018/07/16 11:20 von bruns